Der tiefste Punkt als Wendung
- 18. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Was unterstützt mich, den klaren Blick für meine eigene Bestimmung und meinen zukünftigen Weg zu erkennen?
Ich sehe dich auf einer Kirmes, in einem Riesenrad. Du sitzt darin, und im Moment dreht es sich. Wenn man im Riesenrad sitzt, geht es nach oben – mit einem guten Blick über alles. Oben ist klare Luft, Sonne, Überblick. Und dann dreht es sich weiter, und es geht wieder nach unten. Manchmal ist da Bodennebel. Das Riesenrad ist recht groß, oben ist der klare Blick, unten wird es dichter. Es kann sich anfühlen wie eine Suppe – oder wie Erdung. Beides gehört dazu.
Vielleicht fragen wir das Bild selbst: Was bedeutet dieses Riesenrad im Hinblick auf deine Bestimmung und deinen Weg? Was unterstützt dich darin, den klaren Blick zu behalten?
Mir kommen Fragen, die eher aus dem Verstand kommen: Wann steigt man ein? Wann steigt man aus? Geht es um Ein- oder Aussteigen – oder wirklich um das Im-Riesenrad-Sein? Um das Hochgehen, den höchsten Punkt, das Wieder-Hinuntergehen – ohne Wertung – und dann wieder nach oben?
Ich sehe es eher als Kreislauf. Als Lebenskreislauf, nicht als etwas Endliches. Nicht Geburt unten und Tod unten, sondern als Wellen des Lebens, als Rhythmen, die kommen und gehen. Es ist nicht endlich.
Es könnte jeder Tag sein. Und gleichzeitig fühlt es sich an wie ein ganzes Leben. Aber unabhängig vom Alter. Das Riesenrad dreht sich weiter, egal wie alt du bist.
Wenn ich die Wellen des Lebens betrachte – emotional, mental, menschlich –, dann kennen wir diese Bewegungen: oben alles klar, leicht, freudig. Überblick, Helligkeit, Verbundenheit. Und dann wieder Phasen von Unklarheit, Nebel, Bodennähe.
Und die Frage taucht auf: Welche Geschenke liegen unten? Denn wir dürfen sie genauso annehmen wie die Klarheit oben. Nur oben zu bleiben wäre letztlich langweilig. Es hätte keinen Reiz.
Also: Welche Geschenke liegen im Nebel? In der Unklarheit? Wenn man nicht in dieser Weite, Einheit und Klarheit ist?
Wenn jemand von außen das Riesenrad beschreiben würde, könnte er sagen: Es geht hoch, immer höher, fast zu hoch. Oben ein unglaublicher Blick. Dann geht es wieder runter, man sieht weniger, denkt: Wo lande ich hier? Und am Tiefpunkt, wo man meint, tiefer geht es nicht, geht es wieder hoch. Dieser Wechsel macht es lebendig.
Was darin liegt, ist Vertrauen. Das Wissen: Es geht wieder hoch. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Oben und unten gehören zusammen – so wie Erdung und Verbindung nach oben.
Wenn man beides annehmen kann, entsteht Ganzheit. Das Annehmen der Schattenseiten genauso wie der lichtvollen Phasen. Dann schließt sich der Kreis.
Ich frage mich: Wo stehe ich gerade im Riesenrad?
Es fühlt sich an, als ginge es gerade von oben nach unten. Wenn ich das Riesenrad wie eine Uhr sehe: oben ist 12 Uhr, unten 6 Uhr. Ich bin vielleicht bei 4 Uhr. Es geht schon abwärts, aber ich bin noch nicht am tiefsten Punkt. Es fühlt sich ein bisschen an wie Rückwärtsfahren. Nicht dramatisch, eher wie weniger sehen. Bodennebel.
Wenn ich das große Bild sehe, kann ich es annehmen. Der tiefste Punkt ist nicht schlimm – denn von dort geht es direkt wieder aufwärts. Das nimmt dem Tiefpunkt etwas von seiner Schwere.
Am tiefsten Punkt ist etwas Beruhigendes: tiefer geht es nicht mehr. Und gleichzeitig ist da eine leichte Angst: Was, wenn es hier einrastet? Wenn es stehen bleibt? Aber dieses Riesenrad dreht sich gleichmäßig, kontinuierlich. Es hält nicht an.
Am tiefsten Punkt merke ich: Ich darf mich umdrehen. Ich kann die Perspektive wechseln. Wenn es wieder nach oben geht, möchte ich nach vorne schauen. Es gehört dazu, aktiv die Perspektive zu wechseln. Bleibe ich in der alten Ausrichtung, fühlt sich das Aufwärtsfahren unangenehm an.
Dieser Punkt unten hat etwas von Neustart. Von Wendung. Von Morgendämmerung. Der Nebel lichtet sich langsam, und das Aufsteigen wird erhebend.
Der Tiefpunkt ist nicht nur negativ. Er ist der Punkt, an dem sich die Richtung ändert. Und durch den Perspektivwechsel wird aus Rückwärtsbewegung wieder Vorwärtsbewegung.
Wenn man das ganze Riesenrad sieht, kann man auch den Moment unten leichter annehmen – im Vertrauen, dass es weitergeht.
Es geht um Annahme dessen, was ist. Um das Leben in seiner Polarität. Hoch und tief. Licht und Schatten. Heil sein heißt ganz sein.
Vielleicht ist das Leben genau dafür da: alles zu erfahren. Nicht nur Licht und Liebe, sondern die ganze Bandbreite. Veränderung gehört dazu. Würde man das Riesenrad anhalten, würden die, die oben sind, irgendwann auch wieder Bewegung wollen.
Das Leben ist ein Spiel. Mit Tiefe und Leichtigkeit zugleich. Und vielleicht besteht die Bestimmung darin, dieses Spiel bewusst zu spielen, an jedem Punkt zu lernen, zu reifen, Geschenke anzunehmen.
Es gibt die Option, irgendwann auszusteigen. Wenn man das Spiel verstanden hat. Aber das ist gerade nicht das Thema. Im Moment geht es ums Erfahren, ums Lernen, ums Mitgehen.



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